Gefährliches Schweigen: Soziale Unerwünschtheit und die Folgen

Der Drops ist gelutscht. Trump ist an der Macht. Was im us-amerikanischen Wahlkampf passiert ist, erkläre ich mir mit sozialer Erwünschtheit, vergessenen Ängsten, der öffentlichen Meinung und der Umfrageforschung. Es wird frostig.

Donald Trump wurde tatsächlich vom us-amerikanischen Volk zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Donald Trump, die augenscheinliche Persona non grata. Jetzt, drei Tage später, relativiert sich vieles. Aber nicht alles und nicht für jeden. Jetzt, drei Tage, in denen alle Informationen und Einschätzungen endlos wiedergekäut und durch Mutmaßungen aufgepeppt werden, ist Trump immer noch Obamas Nachfolger. Wie konnte das nur passieren? Auch ich suche nach Erklärungen für das Unfassbare.

Es wird frostig in unseren Demokratien. Maragda Farràs via unsplash.com
Es wird frostig in unseren Demokratien. Maragda Farràs via unsplash.com

Vorspiel in Florida

Kurz vor der Wahl war ich in Florida. Dann und wann begegneten mir Werbeplakate für Trump. Es waren nicht viele. Clinton las ich nirgends. Und ich dachte noch: „Wie kann man das nur zugegeben und kundtun? Wie kann man sich öffentlich zu einem Mauerbau, Rassismus und Diskriminierung, Egomanie und Lüge bekennen und dabei nicht den eigenen Stolz verlieren?“. Die Pro-Trump Schilder standen übrigens vor ziemlich beeindruckenden Gebäuden. Warum? Weil sie es sich leisten können und das gleich im mehrfachen Wortsinn.

Der Versuch meiner Erklärung

Kann eine Frau, wenn sie doch öffentlich diskriminiert wurde, sich selbst noch öffentlich hinter eben diesen Mann stellen? Da gehört schon etwas dazu. Kann ein Latino laut zugeben, dass sein Wunsch nach Veränderung größer ist als die Schmach der Beleidigung? Schwierig. Kann ein erfahrener Politiker sich ernsthaft hinter absurde Forderungen eines Egomanen stellen, ohne sich selbst damit ins politische Abseits zu stellen? Das wäre der eigenen Karriere hinderlich.

Sämtliche Gruppen, die nicht dem weißen, männlichen, heterosexuellen Durchschnittsamerikaner oder dem sogenannten Establishment angehören, können jetzt hier angeführt werden. Mindestens all diese Menschen hat Trump beleidigt und diffamiert.

Warum die Umfragen so daneben lagen

Die Prognosen zeigten ein knappes Ergebnis, stellten jedoch allesamt Clinton als Gewinnerin heraus. Gleiches in Fernsehen, Zeitung, Social Media, am Stammtisch, in unserer Politik usw. Der Tenor war eindeutig: Trump, das geht mal gar nicht. Das Wertesystem war stabil. Und hier liegt der Knackpunkt: Die öffentliche Meinung war sich einig, dass Trump nicht gewählt werden kann. Ein so entstandenes öffentliches Bild erzeugt einen Druck – einen Druck, der für das gilt, was ein Wähler und Nicht-Wähler in aller Öffentlichkeit äußern kann. Es gilt hierbei, möglichst wertekonform zu erscheinen, um nicht sozial ausgeschlossen zu werden.

In der Umfrageforschung heißt dieses Phänomen soziale Erwünschtheit und ist schon lange bekannt. Auge um Auge befragt, antworten Menschen das, was gefühlt im sozialen Kontext gesagt werden sollte. Hardliner einmal ausgeschlossen. Die können sich Querulanz meistens leisten. Doch die Wahl ist geheim. Hier schaut die Mehrheit nicht zu. Hier kann das Häkchen ganz ohne Sanktionen gesetzt werden. Die Häkchen wurden gesetzt.

Die Folgen der verzerrten Umfrageergebnisse

Nun denke man an (US-Amerikas) Wahlkampfpraktiken: Beinah wissenschaftlich werden persönliche Daten und Umfrageergebnisse ausgewertet und in Statistiken übersetzt. Diese Statistiken gelten dann zu großen Teilen als Grundlage für Inhalte und Vorgehen im Wahlkampf. Das demokratische Ziel ist es, die Mehrheit zu erreichen, und so wird in dem einen oder anderen Punkt dem Volk (vermeintlich) nach dem Mund geredet. So läuft es jedenfalls in den ‚geordneten Verhältnissen‘ einer Hillary Clinton. Hierbei als politischer Charakter Rückgrat zu beweisen, ist schwierig. Der Preis? Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit gehen flöten. Wähler spüren genau, dass da etwas nicht passt. Der Hau-drauf-Wahlkampf des Gegners tut sein übriges. Mindestens jeder Kommunikations- und Politikwissenschaftler weiß, welch hohes Gut Glaubwürdigkeit ist. Einmal verloren, ist es ein langer Weg zurück. Länger, als eine Wahlkampfperiode, viel länger. In Sachen Vertrauen tut sich das kollektive Gedächtnis schwer.

Trump war auf politischem Feld noch unbekannt. Vertrauen in ihn hatten nur diejenigen verloren, die er bereits betrogen hat. Das ist aber noch nicht die Mehrheit der US-Amerikaner. Ein Verlust in das in ihn gesetzte Vertrauen wird bald zu beobachten sein. Sein großer Vorteil war wohl seine Unangepasstheit. Das war für viele glaubwürdig. Augenscheinlich redete er nicht nach den Umfrageergebnissen, sondern blieb immer in seinem egomanischen Universum. Das zeigte sich zumindest in Kontinuität. Ich gebe zu, die Idee, dass da einer kommt, der einfach so alles besser macht, ist verführerisch. Er ist ja nicht der erste erfolgreiche Messias. Erschreckend für mich ist hingegen, dass so viele Menschen einen Wandel auf Kosten von Verstand, Humanismus, Frieden und abendländischer Werte wollen. Ein Blick in die Geschichtsbücher (und auch jener in die psychiatrische Literatur) verspricht nichts Gutes.

Die Angst als Schweinetreiber

Was passiert, wenn eine Kandidatin ihr Fähnchen in die falsche Richtung hält, wird mit Clintons Scheitern deutlich. Sie hat ihrem Volk nach dem Mund geredet, der nur das ausspricht, was sozial erwünscht ist. Ängste und Nöte, die Treiber menschlichen Verhaltens, werden so nicht erreicht. Der Mensch wird nicht erreicht. Angst macht unberechenbar. Existenzangst macht verrückt. Sie verrückt Gut und Böse, Richtig und Falsch, Wahr und Falsch aus dem rosa Wertehimmel. Und dass wir hier in Europa mit dem üblichen Phrasenkanon ebenso ins politische Desaster schlittern, ist mehr als offensichtlich.

Und jetzt?

So wie ich heute in den Zeitungen lese, muss auch ein Herr Trump einiges relativieren. Aber nicht alles. Die nächsten vier Jahre wird die menschliche Fortschrittsuhr um einige Jahre oder Jahrzehnte zurückgedreht. Ich persönlich habe tatsächlich Angst vor Hass, Aggression, Diskriminierung und letztlich noch mehr Kriegen. Alles zerbröselt. Die Demokratie ist eine zerbrechliche Schönheit. Ich will versuchen, Sie mit Verstand, Zuhören und gemäßigten Worten und Gedanken zu schützen.