Courage via Facebook (2): 90-9-1-Modell und Schweigespirale

Im letzten Beitrag (hier…) schrieb ich von Vernunft und Rückgrat im Sozialmedialen. Heute folgen kommunikationswissenschaftliche Gedanken zur Zivilcourage via Facebook. Das Schweigen bei brenzligen Themen ist menschlich, allzumenschlich – und kein neues mediales Phänomen. Doch es ist eben nicht egal oder trivial, ob und wie der Einzelne sich äußert.

Vorgeschichte: Reschkes Aufruf zum zivilen Gehorsam
Die Panorama-Moderatorin und Journalistin Anja Reschke fordert in einem Tagesthemen-Kommentar dazu auf, Hasskommentare zum Flüchtlingsthema auf Facebook und Co. nicht länger schweigend hinzunehmen, sondern dagegenzuhalten. Richtig so! Dass die Wenigsten von uns Nutzerinnen echte  Revoluzzer sind, bestätigt die sogenannte 90-9-1-Regel der Social Media Aktivität. Zurückgeführt wird diese häufig auf den Dänen Jakob Nielsen (hier… ein Beitrag zur 90-0-1-Regel von Nielsen).

Nielsen ist der „king of usability“, deswegen kommt er hier als ‚Urheber‘ zu Wort: Die 90-9-1-Regel besagt, dass 90 Prozent der Nutzer lediglich reziperen und Inhalte konsumieren, 9 Prozent melden sich gelegentlich mit einem Klick zu Wort und nur 1 mickriges Prozent ist wirklich aktiv, kommentiert und generiert Inhalte. Gleich vorweg, dieses Model wir inzwischen bereits als „outmoded“ angesehen (hier… ein Beitrag zum Thema auf dem BBC-Blog). Zur Güte: Ohne Berücksichtigung der medien- und communityspezifischen Eigenheiten und der Entwicklungen der letzten zehn Jahre, bietet dieses Modell eine grobe quantitative Orientierung. Diese Erklärung war notwendig, denn…

Trittbrettfahren und Teufelskreise
Juliane Leopold Twitter Reschke ReaktionAuf diese 90-9-1-Regel bezieht sich Juliane Leopold, redaktionelle Chefin des deutschen Buzzzfeed-Ablegers, gegenüber der dpa in Reaktion auf das deutliche Statement Anja Reschkes zur öffentlichen Hetze gegen Flüchtlinge. Leopold schiebt die Probleme zurück in die Gesellschaft – die Hetze sei kein genuin sozialmediales Phänomen, sondern sei tieferliegend – ein generelles Problem eben.

Im Volksmund wird derlei Vorgehen als ‚Trittbrettfahren‘ bezeichnet, in der Kommunikationswissenschaft könnte ihr ‚cleverer Zug‘ mit der Nachrichtenwerttheorie (Erklärung bspw. hier…) in Verbindung gebracht werden. Abendblatt Reschke polarisiertWenn etwa das Abendblatt für Google lesbar hinterlegt, der Reschke-Kommentar „polarisiere“ und weiter schreibt, Leopold „beurteilte die Kontroverse kritisch“ (hier…), hat die Redakteurin prinzipiell alles richtig gemacht: Sie taucht auf aus dem Meer der Meinungen, schwimmt oben auf der Reschke-Welle. Allein deshalb, weil sie zum moralisch einzig Richtigen scheinbar Kontroverses äußert. Das tut sie jedoch nicht. Sie sagt nichts zum Thema. Wie in jeder Ehe redet Leopold an Reschke vorbei. Thema verfehlt, sechs, setzen. Gut, jetzt wissen wir, wer Juliane Leopold ist und haben uns auch mal wieder mit Buzzfeed beschäftigt.

Egal, dpa oder Abendblatt (genau mag ich die Interpretationsursache nicht auszumachen) ist ihre Äußerung kontrovers genug, um sie als Thema zu bringen. Sonst scheint sich niemand ‚zitierfähiges‘ als Antagonist an das Thema zu wagen. Journalismus braucht Quellen, auf die Verlass ist. Auf Juliane Leopold ist Verlass, wie sie auf ihrem Twitter-Account bestätigt (hier…).
Vernünftiger geht es zumindest in der Ausschmückung der dpa-Meldung bei der Süddeutschen zu. Eine inhaltlich ziemlich ähnliche Darlegung titelt „ARD-Kommentar von Reschke. Dagegenhalten, Mund aufmachen, Haltung zeigen“ (hier…).

Meine Meinung: Wenn eine andere Art der sozialmedialen Kommunikation nichts ändern würde, weil generell mehr Zivielcourage bei derlei Themen gefragt sei (so gehöre Social Media lt. Leopold auch zur ‚echten Welt‘), dann haben wir es hier mit einem echten Zirkelschluss zu tun: Wenn ‚Dagegenhalten‘ via Social Media nicht viel bringt, weil auch im ‚echten Leben‘ dagegen gehalten werden muss, sozialmediale Kommunikation aber explizit zu einem Teil der ‚echten Welt‘ gehört, hieße dies: Macht hier wie da nix, ihr könnt es sowieso nicht ändern. Hä? Das wäre dann tatsächlich kontrovers, nicht wahr? Genug des Teufels Kreises, was ich eigentlich sagen wollte…

Schweigespirale – Warum wir kommunikative Lemminge sind
unsplash_Spirale_TreppeBeim Lesen und Hören der Nachrichten bin und bleibe ich stets dem verhaftet, was mir die Kommunikationskoryphäen im Grundstudium eingebläut haben: Hinter jeder Nachricht steht ein Universum an Theorie. Ein Modell ist mir stets besonders präsent: Die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann, u.a. Gründerin des Allensbacher Meinungsforschungsinstituts, aus den 1970er Jahren. Frei formuliert geht es darum, dass Menschen sich dann gehäuft mit einer Meinung zu Wort melden, wenn sie denken, die Mehrheit wäre der gleichen Meinung. So entstehe eine ‚öffentliche Meinung‘, die jedoch nicht unbedingt die Meinung der Meisten wiedergebe.

Ein Beispiel: Wenn viele Nutzerinnen via Facebook über Flüchtlinge hetzen, entsteht der Eindruck, die meisten Deutschen wären dieser Auffassung. Dann ist die Spirale in Gang gesetzt, denn Nutzer anderer Meinung trauen sich immer weniger einzuschreiten – trauen sich immer weniger, der vermeintlich öffentlichen Meinung zu widersprechen. Die Hetzer hingegen fühlen sich bestätigt und blasen weiter und lauter ins Horn. Und schon haben wir den Salat! Um genau diese Spirale des Schweigens zu durchbrechen, ist es nicht sinnlos oder trivial, sich anders als rassistisch und hetzerisch zu äußern. Im Gegenteil.

Theorie-Update: Auch die aktuelle Forschung bestätig die Relevanz des ‚alten‘ Modells für derart ‚junge‘ Offensichtlichkeiten. In der folgenden Studie (hier… zu finden) geht es u.a. um die Aktivitäten auf Facebook im Zusammenhang mit den Snowden-Fakten.