Marcel Proust - Zeit, Uhren, literarische Zeit

Zeitformen im Deutschen: „Morgen war Ostern…“

Na, fällt Euch was auf? Den geübten Viellesern unter Euch wohl eher nicht. „Morgen war Ostern…“ ist eigentlich ein Paradoxon. Uneigentlich ist es das epische Präteritum. Einmal abgetaucht in die Erzählung, ist für den Leser vollkommen richtig, was von außen seltsam klingt. Wie kann morgen denn gewesen sein? Innerhalb einer literarischen Fiktion ist das Präteritum unser alltägliches Präsens: „Aber am Vormittag hatte sie den Baum zu putzen. Morgen war Weihnachtsabend.“ Die erzählte Gegenwart wird grammatisch in die Vergangenheit gekleidet. Denn auch in der Literatur ist Zeit eine Frage der Perspektive. Doch von vorn…

Marcel Proust - Zeit, Uhren, literarische Zeit
Marcel Proust: ‚entschwundene Zeit‘
von Ines Seidel; CC BY-NC-SA 2.0

Historisches Präsens
Beim Schlaumeiern, soll heißen: Korrigieren von Fachpublikationen, ersetzte ich meist stupide sämtliche grammatikalische Vergangenheitsformen durch das Präsens: „Helmholtz erfindet Anfang der 1850er Jahre den Augenspiegel…“ und das, obwohl er den Spiegel doch erfand oder erfunden hat. Einwände gab es meist in Richtung, die Handlung sei doch bereits in der Vergangenheit abgeschlossen, weswegen das Plusquamperfekt verwendet werden müsse. Es hieße demnach: „Helmholtz hatte Anfang der 1850er Jahre den Augenspiegel erfunden…“. Ich war mir sicher, das historische Präsens sei bei wissenschaftlichen Publikationen die richtige Wahl. Eine wirkliche Erklärung hatte ich nicht. Leserfreundlichkeit reichte meist als Argument, aber irgendwie störte mich dieser ‚grammatikalische blinde Fleck‘ dann doch. Gewöhnliche Grammatiken machten mich nicht schlauer. Präteritum als unvollendete Vergangenheit, Plusquamperfekt als vollendete Vergangenheit und Perfekt als vollendete Gegenwart… Nee, unsere Schriftsprache ist nicht so zeitlich, wie dieses schöne weil einfache Schema vermuten lässt. Im Deutschen gibt es nämlich keine Zeitform der ‚abgeschlossenen Vergangenheit‘ wie etwa das Simple Past im Englischen. Noch so eine Baustelle! Doch erst einmal zurück zur literarischen Gegenwart.

Episches Präteritum
Ende der 1950er Jahre erfindet die Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Käte Hamburger das epische Präteritum. Was in der Literatur längst existiert, hat nun auch einen Begriff. In ihrer Habilitation Die Logik der Dichtung verdeutlicht sie, dass das Präteritum in der Fiktion – im Erzählen – nicht mehr als Zeitangabe funktioniert. Vielmehr ist das Präteritum in der Fiktion der Modus des Erzählens, im Roman wird das Präteritum zum temporalen Nullpunkt. Das Präteritum beschreibt die fiktionale Gegenwart: „Morgen war Weihnachtsabend“ – war zeigt nicht an, dass etwas vergangen ist, sondern vielmehr, dass etwas erzählt wird. Zur Versöhnung: Weil im Grunde alles was erzählt wird, bereits geschehen ist, war morgen Weihnachten. Wird dann innerhalb der Erzählung von immerwährenden oder andauernden Handlungen oder Ereignissen berichtet, müssen auch diese im Präteritum stehen und nicht im Präsens: „Die Sonne ging jeden Morgen auf und jeden Abend wieder unter.“ Selbst wenn die Sonne in unserer realen Welt jeden Tag auf- und wieder untergeht, in der Fiktion ging sie unter, weil etwa „heute Dienstag war“. Und einmal das epischen Präteritum gewählt, steht ebenso erlebte Rede in der Vergangenheit: Lisa fragte sich, ob heute Montag oder Dienstag war. Was davor – genauer: vor der fiktionalen Gegenwart – geschieht, steht folgerichtig im Plusquamperfekt: „Gestern war Lisa nicht ans Telefon gegangen. Heute sprach sie jedoch mit ihm.“

Dramatisches Präsens
Wer mag, kann ferner das historische vom dramatischen Präsens unterscheiden. Einen Roman in der grammatischen Gegenwart zu verfassen ist möglich, doch eher selten. Vielleicht ist es schwieriger, vielleicht ärmer, vielleicht ungeeigneter als das Präteritum. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall geht eine Dimension verloren, nämlich jene des Vergangenen. Erzähltes wird zum Erzählen. Was im Präsens berichtet wird, ist gegenwärtig und damit irgendwie dramatisch weil so nah. Im Journalismus ist dieses Stilmittel im ständigen Gebrauch: „Kind klaut Schokolade. Überraschungsei schlägt zurück“. Versucht doch selbst einmal, etwas im Präsens zu berichten: „Ich sitze am Schreibtisch. Es klingelt. Vor der Tür steht der Postmann. Er hält mir den Stift hin und ich unterschreibe.“ Ist der Inhalt zu banal, wirkt das Dramatische schnell deplatziert. Real und gegenwärtig, kein Problem. Aber in der Literatur? Was ist denn mit dem Erzähler? Wo soll er denn sein, wenn er erzählt, was gerade passiert? Hat er das Mikro dabei und diktiert live und in Farbe? „Hänsel und Gretel verlaufen sich im Wald. Es ist so finster und auch so bitter kalt. Sie kommen an ein Häuschen von Pfefferkuchen fein…“ Ein Abtauchen in literarische Universen wird dann schwierig. Eingesetzt als Stilmittel, als punktuelle Gegenwart, mag es Drama in den erzählten Moment bringen. Als Tempus-Nullpunkt verlangt es hingegen viel Können und Geschick.

Historisches Präsens reloaded
Warum nun aber das Präsens für die Fachpublikation? Ist es nicht ein Widerspruch, für die Narration das epische Präteritum, für Helmholtz aber das historische Präsens und für den Schokoladendieb das dramatische Präsens anzumahnen? Nein. Mit dem Literaturwissenschaftler Harald Weinrich unterscheide ich zwischen einer besprochenen und einer erzählten Welt. Wissenschaft (historisches Präsens) und Journalismus (dramatisches Präsens) besprechen, Literatur erzählt. Lasst Euch das mal auf der Zunge zergehen: Etwa Wissenschaft und Journalismus besprechen im Präsens, Literatur erzählt im Präteritum… Als Generalansage sicher arg rigide, doch probiert es selbst mal aus. Schnappt Euch Gesprochenes, Geschriebenes, Gedachtes – aus Politik, Wissenschaft, dem Nachtschmöker oder dem Märchenbuch… Und?

Harald Weinrich (Tempus: besprochene und erzählte Welt [1964], München 2001) kann ich Euch nur empfehlen! Sobald ich dazu komme, werde ich auch Genaueres über seinen Vorschlag zweier Tempusgruppen berichten. Oder erzähl ich es Euch lieber? 😉

 

Note am Fuß: Wer es genauer wissen will: „Aber am Vormittag hatte sie den Baum zu putzen. Morgen war Weihnachtsabend“, in: Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling – Kapitel 25, hier… bei ‚Projekt Gutenberg‘ nachzulesen.