Mehrdeutigkeit, Ambiguität, Verbrechen durch die Polizei

Autoantonyme: Quantensprünge, Untiefen, Kinderkrankheiten und andere Kosakenzipfel

Oh Shrek! „Des Tags ist es so, bei Nacht ganz anders.“ Kinderkrankheiten, Quantensprünge und Untiefen haben bekanntlich vieles gemeinsam, doch eine Kleinlichkeit ist mir erst die letzten Wochen klar geworden: Alle drei sind Autoantonymien – also Worte mit Januskopf. Damit rücken sie als Beschönigungen ganz in die Nähe von Euphemismen, mit ihrer Kluft zwischen übertragener und buchstäblicher Bedeutung in die Nähe von Malopropismen und Antiphrasen. „Autoantonymie“ – was für ein Wort! Diesen Begriff für das Phänomen gegensätzlicher Bedeutungen in einem einzigen Wort zu finden, war gar nicht so einfach…

Mehrdeutigkeit, Ambiguität, Verbrechen durch die Polizei
EvaK, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia

Quantensprung mit Augenmaß
Wer einen Quantensprung macht, ist nicht wirklich weit gekommen. Steht das Wort umgangssprachlich für einen bemerkenswerten Fortschritt, kommen die Quantenmechaniker mit der Pinzette nicht hin. Als Terminus technicus, als Fachbegriff, hat das Wort eine der übertragenen Verwendung im Alltag entgegengesetzte Bedeutung. Solche Gegensatzworte heißen in der Sprachwissenschaft ‚Antonyme‘, wie etwa ‚heiß‘ und ‚kalt‘. Da im Quantensprung zwei gegensätzliche, antonyme Bedeutungen in einem einzigen Wort zu finden sind, ist es ein Auto-Antonym.
Beschönigend und damit euphemistisch ist der Quantensprung ohnehin, soll er doch etwas ganz Tolles ausdrücken – einen riesigen Ruck im eigentlich ganz Kleinen. So etwa auch das Augenmaß: Wer etwas ‚mit Augenmaß‘ erledigt, will Akribie und Könnerschaft ausdrücken, hat jedoch nicht mal nachgemessen, sondern eher geschätzt. Ohne Brille kann einer da schon mal gewaltig daneben liegen. So lehrt es mich zumindest das politische Augenmaß. 😉

Übervorteilte Untiefe
Die Untiefe ist wohl das populärste Autoantonym im Deutschen. Verwende ich es, um enorme Tiefe zu umschreiben, spricht der Seemann mit der Untiefe von einer eher seichten Stelle im Gewässer. Das Un- vor der Tiefe verwende ich im Sinne eines ‚ganz schön viel‘ – also ‚ganz schön tief‘. Die Fachfrau hingegen erkennt das Un- als Negation, also als ‚gar nicht‘ und damit als ‚gar nicht so tief‘. Malopropismen als vermeintliche Fehler in der Sprache sind dann doch eine Kleinlichkeit. Denn würde einer die tiefe Untiefe als Fehler herausstellen wollen, weil es in der Fachsprache eine untiefe Tiefe bezeichnet, vergisst er, dass Bedeutungen nicht im Lexikon entstehen, sondern in der Sprache. Im Sprechen. Im Verwenden und Verstehen. Naja, da sollte keiner mit Bronchialgewalt ein Exemplar stationieren.
Mich erwischt es regelmäßig beim ‚Übervorteilen‘. Wenn jemand übervorteilt wird, hat er es dann gut getroffen oder eher nicht? Als Redensart oder rhetorische Figur kann hier von einer Antiphrase die Rede sein: Meist eher ironisch unterlegt, soll das buchstäblich Gesagte im übertragenen Sinne das Gegenteil ausdrücken. „Eine schöne Bescherung!“ Wer mit Vorteilen gesegnet zu sein scheint, hat dann aber wohl die kleinere Hälfte von Loriots Kosakenzipfel erwischt.

Ambivalente Kinderkrankheiten
Oha, was für ein Autoantonym! Wenn etwas noch nicht so wirklich funktioniert, weil alles noch neu und unerprobt ist, spricht Volkes Mund gern von einer ‚Kinderkrankheit‘. Das soll dann der Hinweis auf eine Nebensächlichkeit sein, auf etwas, das gar nicht so schlimm ist und schnell behoben sein wird. Von wegen!!! Inzwischen ist das 2014er Jahr schon im Februar März angekommen und die Kinderkrankheiten meines kränkelnden Kindes scheinen kein Ende zu nehmen. Blog und Leben erblühen als Brache.
Nicht nur Mehrdeutigkeit oder Ambiguität, sondern gerade der Gegensatz der Bedeutungen macht die Kinderkrankheit zu meinem persönlichen Beispiel. Die Bedeutung der  ‚Kinderkrankheit‘ entpuppt sich als Martyrium – für alle mehr oder weniger Beteiligten. ‚Büchse der Pandorra‘ trifft es da schon eher. Also Obacht, wenn mal wieder was von ‚Kinderkrankheiten‘ zu hören ist! Mütter wissen da bestens Bescheid, Väter auch. 😉

Nun denn, ich wünsche Euch buchstäblich wie übertragen und ganz unzweideutig einen sonnigen Sonntag!

Franziska