Buchcover Phantastik Vor meiner Ewigkeit

Die Phantastik-Autorin Alessandra Reß im Interview

Interview – Phantastik

Die Stille genießend, drängen sich die Gedanken der Phantastik-Autorin Alessandra Reß aufs Papier. Abends am Schreibtisch erweckt sie ihre Vampire, doch die beißen nicht einfach zu. Vielmehr spricht die Autorin selbst von einem ‚nachdenklichen Roman‘, von Literatur zum Nachdenken. Phantastische Welten sind Teil ihres Lebens, doch der Alltag in der Uni ist ein ganz realer. Selbst immer wieder eine Andere sein, das kann Alessandra Reß im Schreiben; selbst immer wieder eine andere Autorin sein, das kann sie mit einem Pseudonym. 

1. Einstieg: Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Ist es für Dich Berufung, die Erfüllung eines langen Wunsches, ein Hobby oder Teil Deines Jobs?

Phantastik-Autorin Alessandra Ress Es ist alles davon. So klischeehaft das jetzt auch klingen mag – ich betrachte das Schreiben als Teil meines Lebens. Die meisten meiner selbstgewählten Tätigkeiten haben damit zu tun. Es macht mir Spaß, egal, ob es um Romanprojekte, Kurzgeschichten, Artikel, Gedankensplitter, Blogbeiträge, Seminararbeiten oder was auch immer geht. Es ist eine Art der Ausdrucksform und als solche ist das Schreiben zum selbstverständlichen Teil so ziemlich aller meiner Lebensbereiche geworden.

2. Profession: Was heißt es für Dich, Autorin zu sein?
Eine verdammt schwere Frage. Es heißt so viel, aber wie soll man das auf den Punkt bringen? Ich denke, es heißt vor allem, meine Gedanken, meine Fantasie und meine Träume mit anderen teilen, sie daran teilhaben lassen zu können. Womit wir wieder beim Thema ‚Schreiben als Ausdrucksform‘ wären. Ich bin weder malerisch/zeichnerisch/fotografisch, noch musikalisch allzu begabt, aber da ist so ein Drang in mir, das Zeug in meinem Kopf irgendwie in Geschichten auszudrücken… also versuche ich das mit Worten hinzubekommen.

3. Lokalisation: Wie und wo schreibst Du? Wie sieht Dein ‚Arbeitsplatz‘ aus? Schreibst Du auf Papier oder am PC?
Wenn ich erst einmal über die Planungszeit hinaus bin, schreibe ich am Laptop oder Netbook, je nachdem, wo ich gerade bin. Da ich häufig zwischen zwei Orten pendele, wechseln auch meine Arbeitsplätze. Am besten kann ich ganz klassisch am Schreibtisch arbeiten, der dann meistens ziemlich chaotisch aussieht – mit Büchern auf der einen, Teetassen und Notizzetteln auf der anderen Seite. In einen richtigen Rhythmus habe ich noch nicht gefunden, aber meistens schreibe ich abends ein paar Stunden.

Notizen und Ideen sammle ich aber lieber auswärts, in Parks, Zügen oder an der Uni.

4. Organisation: Wie sammelst und organisierst Du Deine Gedanken, bevor Du sie ‚aufs Papier‘ bringst?
Indem ich sie aufs Notizbuch-Papier bringe. Ich hab ein paar Mal versucht, da systematisch vorzugehen, indem ich schon bei den kleinsten Fitzel-Storyideen irgendwelche Grafiken erstellt habe, im Glauben, das würde mir die spätere Arbeit erleichtern. Aber da bin ich nicht am Ball geblieben und habe über die ganze Systematik das Interesse an der Idee verloren. Deshalb sammle ich jetzt erst einmal in Notizbüchern kreuz und quer alles, was mir an Ideen kommt und der Blick aufs größere Ganze ergibt sich dann schon daraus. Im Moment fahr ich jedenfalls gut mit dieser Methode.

Buchcover Phantastik Vor meiner Ewigkeit
Alessandra Ress: Vor meiner Ewigkeit, Art Skript Phantastik Verlag 2013.

5. Fünfsatz: Worum geht es in Deinem aktuellen Buch „Vor meiner Ewigkeit“? Wie unterscheidet es sich von ähnlichen Werken?
Im Zentrum steht ein junger Mann namens Simon, der ohne Erinnerung in einer sehr synästhetisch erfahrbaren Stadt erwacht, die neben Humanoiden beispielsweise auch von Vampiren bevölkert wird. Er findet heraus, ein zweites Ich als sogenannter „Schläfer“ zu besitzen, was eine Art Vampirjäger bezeichnet. Als solchem ist es ihm erst möglich, sein altes Menschenleben zurückzuerlangen, wenn er dieser Schläfer-Funktion eine Zeitlang nachkommt. Zunächst fügt er sich in dieses Schicksal, muss jedoch bald feststellen, wie er selbst mehr und mehr in den Hintergrund seines Bewusstseins tritt, während der Schläfer die Oberhand über ihn gewinnt.

„Vor meiner Ewigkeit“ wird oft als ‚Vampirbuch‘ bezeichnet. Dabei denken viele Leser offenbar erst einmal entweder an Action oder Romantasy. Es ist aber weder das eine noch das andere. Einige der Themen, die mich beim Schreiben beschäftigt haben, waren Selbstbestimmung, Machtverlockung und die Frage danach, wie Erinnerungen unser Handeln beeinflussen können. Daraus ist ein ziemlich nachdenklicher Roman geworden, schätze ich. Eine Rezensentin nannte es „teils populärphilosophisch“, was ich irgendwie doch als recht schmeichelnd empfand. 😉 Die Vampir-Thematik eignet sich für so etwas sehr gut. Eigentlich dachte ich, das wäre kein Geheimnis, in eine ähnliche Richtung sind ja teilweise auch Anne Rice oder Viktor Pelewin gegangen. Aber nach dem Twilightismus braucht es offenbar erst Jim Jarmusch, um das wieder ins Gedächtnis zu rufen.

6. Motivation: Wann und wie kam die Idee zu diesem konkreten Projekt? Wie war Dein Weg vom Manuskript zum gedruckten Buch?
Da der Weg ziemlich lang war, kann ich mich gar nicht mehr so ganz genau an die sieben, acht Jahre zurückliegenden Anfänge des Projekts erinnern. Aber sie waren ziemlich „Enjoy the Silence“-lastig. Ich habe das Lied zu der Zeit rauf und runter gehört und irgendwie hatte ich dabei immer einen Mann im Kopf, der orientierungslos durch eine extrem farbintensive Stadt irrt. Das war die Ausgangsidee, aus der „Vor meiner Ewigkeit“ entstanden ist.

Das Ursprungsmanuskript war eher eine Novelle, für die ich zunächst keinen Verlag gefunden habe. Erst nach einer kompletten Überarbeitung und der darauf folgenden erneuten Verlagssuche, bekam ich zwei Angebote und habe mich dann entschieden, mit dem Art Skript Phantastik-Verlag zusammenzuarbeiten. Von der Vertragsunterzeichnung bis zur Veröffentlichung ist nochmal ein Jahr ins Land gegangen, das mit mehreren Lektoratsdurchgängen, der Covererstellung und Vor-Werbung gut ausgelastet war.

7. Bewerbung: Wie gehst Du mit Reaktionen auf „Vor meiner Ewigkeit“ um – Reaktionen auf Lesungen, Kritiken, Social Media etc.? Findet dies Eingang in Dein Arbeiten? Fällt Dir ein konkretes Beispiel ein?
„Vor meiner Ewigkeit“ ist meine erste Romanveröffentlichung, und abgesehen von ein paar Reaktionen auf Kurzgeschichten hatte ich kaum Anhaltspunkte dazu, wie mein Stil überhaupt bei den Lesern ankommen würde. Entsprechend war ich sehr aufgeregt, als die ersten Rezensionen kamen und bin es immer noch. Dabei freut es mich, wenn die Rezis so ausführlich sind, dass die Kritik detailgenau kommt; für den Leser einer Rezension ist das manchmal vielleicht schon zu viel Vorabinformation ;), aber für den Autor ist es natürlich hilfreich. Insgesamt sind die Reaktionen positiv, aber ein Kritikpunkt, der häufig auftaucht, ist, dass die Handlung sich zu sehr auf den Protagonisten konzentriert. Einerseits war das meine Intention, andererseits kann ich auch verstehen, wenn den Lesern dann bei den anderen Figuren etwas fehlt. Mir geht es selbst oft so, dass ich eine Nebenfigur viel spannender finde als den Protagonisten und gerne mehr über diese Figur erfahren würde. Deshalb versuche ich in den jüngeren Projekten, den Nebenfiguren mehr Raum und nicht mehr nur kurze Ein-Kapitel-Auftritte zu geben.

Bei Lesungen experimentiere ich noch ein wenig rum, was die Lesezeiten und die Inhalte angeht. Persönlich gefällt es mir, wenn ein Autor weniger liest und dafür mehr vom ‚Drumherum‘ erzählt, aber ich weiß nicht so recht, wie das bei den Zuhörern ankommt. Bisher kamen dazu noch nicht viele Rückmeldungen.

8. Austausch: Wer sind Deine Ansprechpartner rund ums Buch(-projekt)? Kollegen, Familie, Freunde, Verlag, Lektorat, Übersetzter etc.
Das hängt ein wenig vom Status des jeweiligen Projekts ab. Meine Erstansprechpartner sind meistens Kollegen, manchmal auch Familienmitglieder oder Freunde, wenn ich ihr Interessengebiet treffe. Aber wenn das Projekt bereits einen Verlag gefunden hat, werden viele Fragen oder Unstimmigkeiten auch direkt mit Verleger und Lektor abgesprochen.

9. Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit Social Media Aktivitäten? Passen Buch und Social Web zusammen?
Auf jeden Fall passt das zusammen. Ohne Social Media hätten gerade Kleinverlage viel weniger Chancen, auf sich aufmerksam zu machen und dasselbe gilt (nicht nur) für deren Autoren. Über Social Media bin ich überhaupt erst auf den Art Skript Phantastik Verlag aufmerksam geworden, der dann „Vor meiner Ewigkeit“ veröffentlicht hat und darüber hinaus sind viele Kontakte zu Kollegen über Blogs, Foren, Facebook und Co. entstanden. Ich hab die ganze Phantastikszene erst so richtig kennengelernt, als sie sich bereits stark über virtuelle Netzwerke organisiert hat und weiß daher nicht so genau, wie es eigentlich vorher war; ich könnte mir aber vorstellen, dass die derzeitige Vielfalt der Szene, ihrer Verlage und deren Inhalte Social Media zumindest mitzuverdanken ist.

Davon abgesehen gefällt mir der Gedanke, beispielsweise auf meinem Blog noch Hintergrundinformationen bieten zu können, die in dieser Ausführlichkeit keinen Platz im Roman gefunden haben, mir aber wichtig sind und meine Leser, zumindest den Rückmeldungen nach, auch interessieren. Außerdem macht es mir im Moment Spaß, meinen Blog, meine Facebook-Seite und Leserunden zu betreuen. Ohne Spaß geht einem das vermutlich auch schnell auf die Nerven, denn natürlich hat es auch seine Schattenseiten: Es ist sehr zeitaufwendig und zumindest ein Teil des Selbst wird zwangsläufig öffentlich präsentiert, was ich nicht immer so toll finde.

10. Eigenwill: Welche Frage müsste ich Dir unbedingt stellen? Und was würdest Du darauf antworten?
Du müsstest mich fragen, warum ich mich heute dazu entschlossen habe, ein paar der kommenden Veröffentlichungen nicht unter meinem Realnamen, sondern unter einem Pseudonym erscheinen zu lassen. Und ich würde dir antworten, dass das eine schwierige Entscheidung für mich war. Ich finde es eigentlich schade, wenn einem Autor geraten wird, beispielsweise seinen Fantasyroman unter einem anderen Namen herauszubringen als seinen Politthriller. Es bleibt doch dieselbe Person und als Leser sollte man es interessant finden, wenn dieser Jemand unterschiedliche Facetten zeigt.

Andererseits mag ich aber auch die Vorstellung, einem anderen Teil-Ich von mir einen anderen Namen zu geben, um damit zu sagen: Das ist die eine Alessandra (vielleicht die Haupt-Alessandra), die schreibt gerne so was, und das ist die andere Alessandra, die auch was anderes mal reizt. Jau, deshalb hab ich mich also entschlossen, zumindest für eine Schiene ein Pseudonym zu nutzen. Aber es wird auf jeden Fall ein offenes Pseudonym sein.

Direkt zur Autorin geht es hier:
E-Mail: alessandra.ress@gmail.com
Blog: http://dew-linae.blogspot.de
Facebook: https://www.facebook.com/AlessandraRess

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