Das Buch Egoshooter von Stephan Günzel

Interview mit dem Philosophen Stephan Günzel: „Egoshooter. Das Raumbild des Computerspiels“

Interview – Wissenschaft

Philosophie ist Arbeit mit und am Text. Warum sich auf Stephan Günzels Schreibtisch bisweilen dann doch die eine oder andere Spielekonsole findet? Weil ein lesbares Buch Ziel des Schreibens war. Ein bisschen Computerspiel-Routine kann da nicht schaden. Entstaubte Geisteswissenschaft. Vom Gedanken zum Buch, für den Medien- und Raumtheoretiker ein aufreibendes Unterfangen: Auch bei wissenschaftlichen Publikationen ist die Verlagslandschaft kein Schlaraffenland – Lektorat und Satz bleiben nicht selten dem Autor überlassen. Unkonventionell kommt also sein „Egoshooter“ daher, in Inhalt und Gestaltung. Wie gesagt: (K)ein Bilderbuch.

Einstieg: Wie bist Du zum Schreiben gekommen?
Zum Schreiben bin ich ganz banal über das Studium gekommen. Hier lernt man ja neu lesen und schreiben. Für die Philosophie (die ich studiert habe) ist der Text allemal das Leitmedium.

Profession: Was heißt es für Dich, Autor zu sein?
Genauso gerne wie ich schreibe, trage ich auch vor oder unterrichte. Schreiben hat aber nach wie vor damit zu tun, Gedanken weiter zu verbreiten und auch ein Stück weit zu ‚verewigen‘; dennoch würde ich meine Profession nicht als die eines Autors sehen.

Lokalisation: Wie und wo schreibst Du?
Ich schreibe gänzlich am PC; ab und an noch Notizen auf Papier, wenn kein Rechner zur Hand ist. Mein Arbeitsplatz ist ein sehr großer Schreibtisch mit ‚Pilotenausbuchtung‘ und elektronischer Hebevorrichtung (um auch im Stehen arbeiten zu können). Ich versuche den Tisch möglichst von Papier, Büchern, CDs etc. freizuhalten und nur Hardware darauf zu haben (neben Rechner und Monitor v.a. Spielekonsolen). Aber ab und an wächst der Tisch schon auch mal zu. Aber ein Schreibtisch ist freilich auch schon der Rechner des Desktops. Diesen Text jetzt schreibe ich bspw. gerade mit einem (von mir nicht besonders gemochten) Mac auf den Beinen in einem Zugabteil und mit den Füßen zum Entspannen auf dem Sitz gegenüber.

Organisation: Wie sammelst und organisierst Du Deine Gedanken, bevor Du sie ‚aufs Papier‘ bringst?
Mit wenigen Ausnahmen eines Brainstormings auf Papier zumeist allein im Kopf oder – frei nach Kleist – verfertigen sich die Gedanken beim Schreiben. Die beste Vorbereitung sind aber nichtabgelesene Vorträge, die erst nachträglich zu Papier gebracht werden.

Egoshooter_Buch
Stephan Günzel: Egoshooter”. Quelle

Fünfsatz: Worum geht es in Deinem aktuellen Buch „Egoshooter“?
In meinem neuen Buch geht es um Egoshooter, also Computerspiele, die in der Perspektive der ersten Person gespielt werden. Ich versuchen deren formale Bildlichkeit und virtuelle Räumlichkeit herauszuarbeiten, wie sie sich aus der Zusammenstellung von Zentralperspektive in der Hauptansicht und einer Karte in der Nebenansicht ergibt. Bisher wurden diese wie auch andere Spiele als Bilder fast ausnahmslos auf ihren Inhalt untersucht (also bei Egoshootern: das Erschießen in einem historischen oder fiktiven Setting). Ich mache das anders.

Motivation: Wann und wie kam die Idee zu diesem Projekt? Wie war Dein Weg vom Manuskript zum Buch?
Dieses Buch ist als Qualifikationsschrift eingereicht worden (Habilitation); doch auch wenn ich das Buch im Rahmen einer wissenschaftlichen Stelle geschrieben habe, war das Ziel von vornherein, ein Buch für die Veröffentlichung (und damit ein lesbares Buch) zu schreiben. Insofern habe ich mich auch an einen Verlag gewandt, der sich nicht ausschließlich an Wissenschaftler wendet. Am Ende war der Weg zum gedruckten Buch dann aber doch länger als gedacht, weil vor allem die aufwendige (in der Gestaltung dem Thema entsprechende) Schrift- und Bildgestaltung Zeit in Anspruch nahm und Wege des Designs beschritten wurden, die für wissenschaftliche Publikationen sonst unüblich sind.

Bewerbung: Wie gehst Du mit Reaktionen auf Deine Bücher um?
Reaktionen, die Eingang finden, erfolgen vor allem bei den anschließenden Diskussionen zu Vorträgen und den Pausengesprächen. Eingang finden dann zum einen weiterführende Hinweise, viel wichtiger ist aber eine (auch harte) Kritik, weil das hilft, am Argument zu feilen und eben beim nächsten Mal eine Antwort parat zu haben oder im Text die Kritik vorwegzunehmen. Kritiken nach Veröffentlichung können natürlich wenig oder (außer bei einem Folgeprojekt) keine Berücksichtigung finden. In meiner Dissertation über Nietzsches Geophilosophie hat mich mal jemand darauf aufmerksam gemacht, wie alt die Debatte um Beeinflussung von Körper und Geist durch das Klima ist. Daraus wurde ein Exkurs, der fast ein Viertel des Buches ausmachte und später auch getrennt veröffentlicht wurde.

Austausch: Wer sind Deine Ansprechpartner rund ums Buch? 
Zumeist sind es bei meinen Texten Fachkollegen; früher hat meine jetzige Frau auch viel von mir gelesen und einmal hatte ich auch einen Freund, der sich tatsächlich die Zeit genommen hat, mein ganzes Buch (wieder die Dissertation über Nietzsche) kritisch durchzusehen. Und bei dem neuen Buch hast Du mich ja auch großartig unterstützt; du hast es sogar mehrfach gelesen. Verlage selbst kommen aus wirtschaftlichen Gründen meist nicht mehr dazu, ein Buch mit wissenschaftlicher Ausrichtung ausreichend zu lektorieren oder es gar zu setzen. Das lohnt sich meist nur noch bei Romanen und Ratgebern.

Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit Social Media Aktivitäten und passen Buch und Social Web zusammen?
Ich selbst verweigere mich etwa sozialen Netzwerken (wie vor allem Facebook); ich versuche aber auch kein Handy zu benutzen. Das ist alles zu großen Teilen aber Luxus; in einem ohnehin zeitintensiven Beruf nicht auch noch weitere Geräte und Plattformen im Auge haben zu müssen. Grundsätzlich habe ich nichts gegen das Publizieren und Diskutieren online und betreibe ersteres auch selbst auf meiner Website. Auch finde ich manche Threads spezieller Foren schon sehr aufschlussreich (wie etwa die Seite von Edward Tufte oder auch diese hier), ebenso wie treffende Tweets; aber es bleibt eine gewisse (wohl dem Philosophen in mir) geschuldete Skepsis. (Und das weniger wegen des dort betriebenen Exhibitionismus oder anderer Schamlosigkeiten als die Ein- und Ausschlussmechanismen.)

Eigenwill: Welche Frage müsste ich Dir unbedingt stellen? Und was würdest Du darauf antworten?
„Hat Schreiben eine Zukunft?“
Ja!

Und so geht es direkt zum Autor:
Website: www.stephan-guenzel.de
E-Mail: s.guenzel@btk-fh.de

Leseprobe aus: „Egoshooter. Das Raumbild des Computerspiels

„Dieses Buch widmet sich einer Bildform, die gegenwärtig wie kaum eine andere in der Kritik steht: Es handelt sich um Computerspiele in der Perspektive der ersten Person. Im Englischen ›First Person Shooter‹ genannt, hat sich für diese Spiele unter deutschsprachigen Spielern der treffende Name ›Egoshooter‹ etabliert. Unter der Bezeichnung ›Killerspiele‹ dienen diese Spiele zumeist als einschlägiges Beispiel für die seit geraumer Zeit geführte Diskussion um Verbote und Altersfreigaben von Computerspielen. Wie bei vielen gesellschaftlich relevanten Themen sind auch hier jedoch nicht in erster Linie neue Antworten hilfreich, sondern vor allem neue Fragen. Eine neue Frage, die an das Phänomen Egoshooter im Besonderen und an Computerspiele im Allgemeinen gestellt werden kann, ist diejenige nach der Form des Bildes.mehr…