Faule Texter: Wenn Leser kommen, sehen… und wieder gehen

Ich freue mich sehr, herzlich willkommen zu sein. Doch bin ich ‚herzlich Willkommen‘, möchte ich am liebsten gleich wieder weg. Warum? Weil es schlicht und einfach und ohne Frage falsch geschrieben ist. Viele Autorinnen und Autoren tummeln sich im Social Web und präsentieren ihre Buch- und Schreibprojekte. Das ist gut und schön. Nicht gut und nicht schön sind allerdings miese Peter namens Rechtschreib- und Grammatikfehler. Mir vergeht dann ziemlich schnell die Lust am Lesen. Das ist schade. Orthografie als Geheimwissen?

Willkür kommt nach Willkommen - Duden 21. Aufl.
Willkür kommt nach Willkommen – Duden 21. Aufl.

Pfingsten war ich auf Reisen. Entspannung für Geist und Auge. Dann ein Sprachanschlag nach dem anderen: Ortseingangsschilder, Restaurants wie auch der ansässige Nahverkehr begrüßen mich mit Herzlich Willkommen. Eine Verschwörung? Zurückgekehrt fällt es mich unvermittelt im Bürgeramt an: Herzlich Willkommen. Nun, ich wundere mich eigentlich nur noch selten. Wirklich enttäuscht bin ich beim Besuch der einen oder anderen ‚Autorenseite‘. Ein von einem vermeintlichen Autor geschriebenes herzlich Willkommen ist doch mindestens so peinlich wie ein offener Hosenstall. Oder nicht? Es scheint sich noch nicht rumgesprochen zu haben: In herzlich willkommen ist willkommen ein Adjektiv wie auch in willkommene Abwechslung. Anders hingegen ist ein herzliches Willkommen, denn das Willkommen ist hier ein Substantiv. Es musste einfach mal wieder gesagt werden. Nur ein Beispiel.

Schrift ist eben nicht so transparent, wie es viele gern hätten. Die besten Ideen und Geschichten werden nicht gelesen, wenn sie keiner Sprache folgen. Ein Mathelehrer, der nicht richtig rechnen kann, ist wie ein Autor, der nicht richtig schreiben kann. Kreativität bedeutet nicht orthografische Anarchie. Um mit Sprache kreativ zu arbeiten, muss sie zuallererst beherrscht und verstanden werden. Schriftsprache ist ein Zeichen-, ein Aufschreibsystem. Und Sprache ist das Handwerkszeug des Autors. Es geht nicht um einen guten oder schlechten Stil. Es geht nicht um Fragen des Geschmacks. Nein. Es geht um richtig und falsch. Sprache ist dynamisch und ständig im Wandel. Dennoch gibt es sie, die Fehler, denn es gibt Regeln. Und Fehler passieren – ich glaube, es gibt keine Publikation ohne Fehler. Mir geht es um ein generelles Phänomen: Wer auf orthografische Standardwerke pfeift, der pfeift auf Schriftsprache. Dilettantismus.

Versteht mich nicht falsch, es geht nicht um Entwürfe oder Skizzen – da darf ruhig mal gepfuscht werden. Es geht auch nicht um flüchtige oder getippte Fehler – das passiert. Es geht mir um geistige Faulheit, um veröffentlichte geistige Faulheit. Rechtschreibung und Grammatik, Schriftsprache ist doch kein Geheimwissen. Ich muss mich heute nicht mal mehr bewegen, um nachzuschlagen, wie etwas richtig geschrieben wird. Ein Klick reicht schon aus. Ein Autor muss nun entweder so sattelfest sein, dass er es einfach weiß, weil er es gelernt hat oder er muss es nachschlagen – oder beides, wenigstens aber eines. Ich spreche hier ganz als Leser, denn wenn ich ein papiernes oder digitales Buch aufschlage und mir eine unbekannte, individuelle Orthografie entgegen schreit, suche ich das Weite. Wer möchte, dass Leser bleiben, der sollte sich die Mühe doch machen. Oder gehöre ich damit etwa zur Garde antiquierter Rechtschreiber?

Nachtrag: Ich möchte nochmal herausstellen, dass ich nicht Fehler an sich und auch keine Fehlerchen kritisiere. Wie gesagt, die passieren. Ich spreche auch nicht über Blogger oder ‚Gelegenheitsschreiber‘, sondern über AutorInnen, die mit ihren Blogs oder Websites für sich und ihre Bücher werben. Mir geht es um Profis, die im Social Web ihre Schreibkunst zeigen – die gekauft und engagiert werden wollen. Blog und Website sind hier doch Visitenkarten und da sollte dann doch auf eine korrekte Sprache geachtet werden – genau wie auf dem Ortseingangsschild. Es geht mir darum, dass auch die orthografische Arbeit an Texten gesehen und nicht zuletzt gewürdigt wird. Ich empfinde  mich selbst  nicht als sprachlich unverbesserliche Koryphäe und bin froh über jeden Hinweis, der meine Posts ein bisschen richtiger macht. Wie haltet Ihr es mit kleinen, feinen Hinweisen? hier…