Kunst oder Krempel? Zur Verklärung des Gewöhnlichen

Literatur kann Kunst sein. Muss sie aber nicht. Ein Autor kann mit künstlerischem oder profanem Anspruch ans Werk gehen. Ob er ein Kunstwerk oder ein Produkt schafft, das entscheidet er nicht allein. Stilistische und orthographische Qualität kann mehr oder weniger objektiv beurteilt werden. Doch woher der Kunststatus? Bauchlandung bei der ewigen Frage „Was ist Kunst?“. Ich antworte mit Denkanstößen des amerikanischen Kunstkritikers und Philosophen Arthur C. Danto: Kunstwerke sind in Kunst verwandelte Banalitäten.

Duchamp
Im Jahr 1917 wird anlässlich einer Ausstellung der New Yorker Society of Independent Artists ein mit „R. Mutt 1917“ signiertes Urinoir eingereicht. Die Jury sieht jedoch keinen Anlass, das Objekt auszustellen. Später stellt sich heraus, dass Marcel Duchamp – Mitbegründer der Gesellschaft – „Fountain“ in einem Sanitärartikelgeschäft gekauft, signiert und anonym der Kommission überreicht hat. Damals noch keine Kunst; heute sind Ready mades und Objets trouvés allgemein als Kunstwerke anerkannt. Wie kann eine Skulptur 1917 kein Kunstwerk sein und später dann doch eins werden? Mehr noch: Wie kann ein Pissoir im Museum ein Kunstwerk sein, eines im Sanitärfachhandel hingegen nicht? Beide sind doch materiell wie wahrnembar ununterscheidbar.

Wann ist Kunst?
In seinem Buch Transfiguration of the Commonplace. A Philosophy of Art von 1981 fragt Danto, wie Banalitäten sich in Kunst verwandeln können. Andy Warhols Ausstellung der Brillo-Boxes im Jahr 1964 in der New Yorker Stable Gallery ist das Schlüsselereignis. Mit der Avantgarde und den Ready mades sind für Danto essentialistische Bestimmungen von Kunst obsolet geworden. Es folgt Dantos „Verklärung des Gewöhnlichen“. So zeigen gerade Pop-Art Künstler wie Warhol der ‚Kunstwelt‘, dass von zwei ununterscheidbaren Gegenständen der eine ein Kunstwerk sein kann, der andere hingegen nicht. Stellt Duchamp mit seinem Urinal oder einem Flaschentrockner die Schönheit ganz banaler Dinge heraus, wird mit Warhol deutlich, dass alles Kunst sein kann. Was allerdings nicht bedeutet, dass auch alles Kunst ist. Und so macht es sich Danto zur Aufgabe, zu erklären, wann etwas ein Kunstwerk ist und wann ein banales Alltagsobjekt.

Geschenke
Den Verklärungsbegriff entlehnt Danto der Theologie, genauer der Verklärung Christi: Die historische Person Jesus von Nazareth wird zu Gottes Sohn verklärt. Was ‚Verklärung‘ oder ‚Transfiguration‘ meint, soll ein Beispiel zeigen: Einem Geschenk kann nicht angesehen werden, dass es ein Geschenk ist. Ein Füller auf meinem Schreibtisch kann ein Geschenk meiner Mutter sein. Diesem Füller ist nicht anzusehen, dass er ein Geschenk ist. Zum Geschenk wird der Alltagsgegenstand ‚Füller‘, wenn meine Mutter ihn mir hübsch verpackt als Geschenk überreicht: Ein banales Alltagsobjekt wird damit in ein Geschenk verklärt. Auf meinem Schreibtisch liegen viele Füller. Einer ist ein Geschenk, den Rest habe ich mir gekauft. Ein Besucher kann nun kaum das Geschenk von den banalen Schreibhilfen unterscheiden. Allein das Wissen um das Schenken verklärt den Füller zu einem Geschenk. Ferner könnte es auf dem Geschenk Hinweise geben, die den Füller als Geschenk enttarnen. Vielleicht hängt noch ein Schleifchen dran, vielleicht besitzt er eine Gravur. Zum Schenken gehört ebenso ein Kontext wie zur Konstitution eines Kunstwerkes.

Kunstwelt
Danto wendet sich entschieden gegen traditionelle, essentialistische Ansätze, die nach einem Katalog wahrnehmbarer Eigenschaften aller Kunstwerke fragen. Ein Objekt wird bsw. nicht zu Kunst, nur weil es schön ist. Essentialistische Bestimmungen von Kunst können den Kunststatus der Brillo-Boxes nicht ausreichend erklären. Um einen banalen Gegenstand in ein Kunstobjekt zu verwandeln, bedarf es Danto folgend der Interpretation und Identifikation. Jedoch ist nicht jedes Objekt für jede beliebige Interpretation geeignet und nicht jede Interpretation konstituiert ein Kunstwerk. Ein Ding wird nicht einfach zu einem Kunstwerk, indem ein Künstler es zu diesem erklärt oder es signiert. Eine Interpretation vermag Objekte in Kunst zu verklären, wenn sie im Kontext einer Kunstwelt stattfindet, von einer Kunsttheorie geleitet ist und den historischen Rahmen berücksichtigt. Die Kunstwelt, als eine Welt interpretierter Dinge, gibt dabei den Rahmen des Möglichen vor. So ist bsw. ein Titel mehr als nur ein Name, er ist häufig eine Richtungsangabe für die Interpretation.

Interpretation
Interpretationen und damit Sprache stehen im Zentrum von Dantos Überlegungen, denn allererst die Interpretation konstituiere ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk nicht zu interpretieren, bedeutet für ihn, es nicht als Kunstwerk zu sehen. Kunstwerke sind ebenso wie Wörter immer über etwas – er spricht hier von Aboutness oder Bezogenheit. Ein Kunstwerk ist immer über etwas, ein Alltagsobjekt hingegen ist in diesem Sinne über nichts, es ist nur ein Objekt. Indem Kunstwerke über etwas sind, erlangen sie Bedeutung. Bedeutung unterscheidet endlich Kunst von banalen Objekten.

Literatur
Und was hat dies nun mit Literatur zu tun? Gebrauchstexte beschreiben oder erklären vielleicht etwas. Sie sind allerdings nicht über etwas, in dem Sinne, in dem etwa Madame Bovery über etwas ist. Doch dies nur als ein Kriterium. Entscheident ist, dass auch ein literarisches Werk zur Kunst verklärt werden muss. Auch hierzu bedarf es einer literarischen Kunstwelt, einer Welt interpretierter Dinge. Und weil mit Danto und Wölfflin nicht alles zu allen Zeiten möglich ist, geht es dem bildenden Künstler wie dem Literaten, wie dem Autor – er schafft Werke. Ein Werk in ein Kunstwerk zu verklären, bleibt anderen überlassen.