Aus einem Land vor unserer Zeit – Jungpioniere und Social Media

Eine Biografie der Vergänglichkeit: Land weg, Abschluss weg, Netzwerk weg. Was bleibt? Kramern in der Kindheit. Einsame Helden der Zurückhaltung, gesamtdeutsche Pionierarbeit, Facebook-Verweigerer.

Sandmännchen. Bundesarchiv.

Als die 89er Wende kam, hatte ich es gerade zum Jungpionier geschafft. War halt so. Mein Geburtsland ist die DDR. Die gibt’s nicht mehr. Akzeptiert. Die Straße der Solidarität wurde zur Albert Schweitzer Straße. In meinem Alter nicht weiter problematisch. Zehn Jahre später das Abitur. Das heißt heute noch so. Knappe zehn Jahre später dann der Uni-Abschluss. Traditionell war das ein Magister. Den es im Übrigen zwischendurch schon mal nicht gab und so inzwischen auch nicht mehr gibt. Heute heißt das Bachelor oder Master oder irgendwas dazwischen. Egal. Ich hab das nicht weiter verfolgt. Schon während meines Studiums löste sich mein Studiengang auf: Medienwissenschaften – das gibt es so nicht mehr. Hm. Kommunikation, von Watzlawick ins Deutsche transportiert, meint Unterhaltung via Social Media. Hier im Netz jedenfalls. Das habe ich definitiv so nicht gelernt. Schade eigentlich. Aber auch egal. Weil es so heimelig war, habe ich dann noch ein paar Jahre an der Uni verbracht – Jahre, in denen ich irgendwie geschlafen habe. Nicht mehr egal. Denn: Meine sozial-medialen Aktivitäten sind durchaus überschaubar. Und so will ich ‚was mit Medien‘ machen. Lächerlich. Bewerben mit hübsch kopierten Zeugnissen und Referenzen? Tse, wie antiquiert! Das geht in der Branche doch per Link auf Facebook oder Xing, oder am besten gleich über Twitter. E-Mail und Online-Bewerbung – die haben da doch was verpasst. Networken! Wehe dem, der da nicht fleißig kontaktet.

Doch wo ist mein Netzwerk bloß geblieben? Sie, die ganzen Jungakademiker, die ehemalige Generation Praktikum, die Bücherleser, die Füllerkaufer. Freundschaft hieß das mal, Solidarität noch früher. Alle medial sediert. Ein Blick in die Medienstatistiken lindert nichts: Es sind 42% der zwischen 30- und 45-jährigen Internetnutzer in den sozialen Medien unterwegs. Medienwissenschaftler sollten medienaffin sein und müssten doch gerade zu der erlesenen knappen Hälfte gehören. Gefährliches Halbwissen. Ich kenne keinen Blogger persönlich. Nebensache. Nun gut, vor, an, neben und nach der Uni fehlt im Leben vielleicht irgendwie der Platz für einen Blog. Vorstellbar. Bloggen, schöne Sache eigentlich. Doch mein Offline-Netwerk ist gar nicht online: Facebook, Xing, Google+ oder Twitter – keiner ist da und wenn doch, dann eher halbherzig. Was kenn ich da nur für Leute! Mein Freundeskreis ist gnadenlos: Online im sozialen Vakuum zurückgelassen. Wie konnte es nur soweit kommen?

Sozial, sozial, sozial – als ob das nicht genau das Ding der Pioniere wäre. Vielleicht ist ja das Pionierhaus Schuld. Muss mir ja sowieso schon peinlich sein. Also mein Aufwachsen und späteres Leben in Ostdeutschland. Obacht: ‚Ehemalige DDR‘ als noch aktuelle Bezeichnung. Autobiografisch erschreckend. Immernoch heikles Themas – will doch keiner mehr drüber reden. Chronisch also. Pauschalisierungen, oft ermüdend, sozio-kulturell aufschlussreichreich: Mein Freundeskreis zeigt sich als homogenes Grüppchen. Das Gros stellen ehemalige Jungpioniere – so mancher mag einst auch schon die Thälmann-Stufe erreicht haben. Was die Nutzung des sozialen Netzes angeht, ist es eben nicht so egal, in welches Land, in welche Kultur, in welches Umfeld der Geburtstag und das Aufwachsen fällt. Die Deutschen im internationalen Vergleich längst als Social Media Muffel enttarnt, komme ich aus einem kleinen Sammelbecken des Understatement. Und was ist denn Social Networking so häufig, wenn nicht Selbstvorstellung, Selbstdarstellung, Selbstwerbung und wie so oft auch Selbstbeweihräucherung. Und, das ist der Punkt, alles prinzipiell öffentlich. Gilt doch die Maxime: Reden um des Redens willen, reden um im Gespräch zu bleiben, reden um wahrgenommen zu werden, reden um wichtig zu sein, reden um zu sein. Online wie offline.

Mein Credo: Rede nur öffentlich, wenn Du etwas zu sagen hast. Wie peinlich. Trotzdem! Ich, als ehemaliges Arbeiter- und Bauernkind, mit meinem kleinen Freundeskreis, ich hänge mir keine Urkunden an die Wand und pinne sie auch nicht auf Facebook und Pinterest. Sowas schickt sich nicht. Ich schreibe meine Arbeiten noch selbst. Langweilig! Konzentriertes Arbeiten im kontemplativen Studierstübchen macht einsam. Könnte also auch ein Flächenphänomen sein. Jungpioniere als die, die noch an sich glauben. Gesamtdeutsch. Ohne Monitoring. Ohne Klicks. Zurückhaltung schon in der Zuckertüte versteckt. Freundschaft gehört ins Private. Quantität kann hier kein Kriterium für Online-Reputationen sein. Die prinzipielle Öffentlichkeit – für Professionelle ein Segen. Wer Öffentlichkeiten sucht, der findet. Privatheit, wohl dosiert, schadet wohl keiner Botschaft. Vernetzung? Für mich eine Frage von Projekten, Meinungen, Ideen und Gedanken, nicht persönlichen Personen. Warhols Viertelstunde Ruhm – keiner will sich mit seiner Bedeutungslosigkeit abfinden. Facebook? Reality Soap via Web 2.0: Yeah, 100 Likes und 20 neue Follower für mich mit Foto beim Kotzen. Prima! Sowas ist doch Inhalt! Das schreckt den Verstand ab. Und die, die aus dem sozialen Medium nicht das Letzte herauspressen möchten? Die Jungpioniere, die Generation 1.0 – im Millennium noch jung genug und trotzdem schon erwachsen – über die Hälfte verweigert. Alles Jungpioniere. Retrospektiv. Alle über einen Kamm gezogen. Diesmal gegen den Strich. Warum auch nicht.